Ich lenke eine Horde KI-Agenten und sehe die Details nicht mehr. Ein Konzernchef sieht sie auch nicht. Warum fühlt es sich bei mir trotzdem falsch an?
Seit Monaten hab ich keine Zeile Code mehr geschrieben. Das hab ich schon mal aufgeschrieben, zusammen mit der Frage, warum mich KI anders k.o. macht. Heute beschäftigt mich etwas Leiseres: Was macht das eigentlich mit mir? Die Geschwindigkeit hat sich massiv erhöht. Was früher Wochen gedauert hat, steht nach ein paar Tagen. Mit der Geschwindigkeit kommt ein Druck, den mir keiner macht außer ich selbst: mehr Projekte rauszuhauen. Geht ja jetzt. Warum also nicht noch eins?
Früher hab ich eine Idee stundenlang betrachtet. Hin und her gedreht, Szenarien durchgespielt, Use-Cases geprüft. Irgendwann kam ein kleiner Prototyp, und dann hab ich zugeguckt, wie die ersten User damit umgehen. Bei Pyngup hab ich einen ganzen Tag mit zwei Test-Accounts verbracht und dabei gelernt, dass ein Button im Design perfekt aussehen kann und sich in der echten Nutzung trotzdem schief anfühlt. Heute kümmern sich Agenten um solche Details, und mir geht der Blick dafür verloren. Ist das weg? Fühlt sich so an.
Micromanagement mit Maschinen
Wobei: ne, da ist noch ein anderer Gedanke, und den werd ich nicht los. Angenommen, ich arbeite in einem großen Unternehmen und bekomme plötzlich mehr Verantwortung. Leute unter mir, die ich mit Aufgaben beschäftige. Dann könnte ich auch nicht mehr auf jedes Detail gucken. Und täte ich es trotzdem, würde man mir zu Recht Micromanagement vorwerfen. Ich hätte meine Status-Calls, darin ein bisschen Einblick in das, was weiter unten passiert, und den Rest müsste ich den Leuten überlassen.
Genau das mach ich jetzt, nur mit anderem Personal. Ich lenke eine Horde KI-Mitarbeiter: Designer, UI/UX-Leute, SEO-Experten, Copywriter, Marketingmanager, SEA-Profis, Entwickler. Wie das technisch aussieht, steht im Artikel über Vibe Coding. Jeder hängt an seiner Aufgabe, und ich sehe die Details nicht mehr. Warum soll das verwerflicher sein als im Konzern?
Klar: Da kommt sofort der Einwand. „Im Konzern sind es aber immer noch Menschen, die sich um die Details kümmern.“ Ok. Und was genau ist der Unterschied? Wie Menschen nach oben berichten, liegt an mir. Ich baue die Struktur, über die ich die Prozesse überblicke. Nach oben berichten kann eine KI auch. Wird mir zu viel berichtet, will ich nach unten in die Details reinregieren, und schon bin ich wieder beim Micromanagement. Lass ich die Leute machen, ist alles fein: Ich betreibe kein Micromanagement und krieg die Details nicht mit. Das gilt für Menschen genauso wie für Agenten. Wo ist also der Punkt?
Vielleicht liegt er bei mir
Ich hab eine Weile gebraucht, bis mir der Gedanke kam, dass der Punkt gar nicht beim Personal liegt, sondern bei mir. Ich will das Gefühl haben, alles im Griff zu haben. Wissen, was läuft, welche Prozesse sich verändern und welche gerade neu entstehen. Das Gefühl kenn ich gut. Ich hab mal 17 Apps durchprobiert, um endlich den Überblick über meine eigenen Aufgaben zu kriegen. Den Überblick hat mir keine gegeben.
Und jetzt wird's eigentlich witzig. Ich bin immer noch Einzelunternehmer, sitze mit meiner Schar Agenten aber auf dem Stuhl eines Konzernlenkers. Ich kann Verwaltungsebenen bauen, Leute zur Kontrolle, Leute für die Ausführung, einen Agenten, der die anderen prüft, und einen, der mir abends zusammenfasst, was passiert ist. Im Prinzip unterscheidet mich erst mal nichts von einem Konzernmanager. Ein Einmannkonzern also. Wild.
Vielleicht ist die Frage deshalb eher eine philosophische, und vielleicht trifft sie beide, den Konzernchef und den Einzelkämpfer mit Laptop: Wie komm ich zur Ruhe? Wie bekomme ich Klarheit? Wie baue ich eine Struktur, die ich überblicken kann und der ich vertraue, ohne dass mir alles entgleitet?
Das Davor hat mir keiner weggenommen
Beim Aufschreiben ist mir was aufgefallen. Ich hab oben geschrieben, dass ich früher eine Idee stundenlang betrachtet und Szenarien durchgespielt hab. Das waren nie Details im Code. Das war das Davor, die Zeit, bevor irgendwer eine Zeile schreibt. Die hat mir kein Agent weggenommen. Die hab ich selbst hergegeben, weil ja jetzt alles so schnell geht. Mhhh. Unangenehm, aber auch gut: Was ich vermisse, kann ich mir zurückholen, ohne einen einzigen Agenten zu entlassen.
Beim Konzernchef ist das vermutlich nicht anders. Liest der gute Chef mehr Berichte als der schlechte? Glaub ich nicht. Ich glaub eher, er hat sich mehr Zeit zum Nachdenken freigeschaufelt.
Ich hab mir mal notiert: Aufgaben nutzen genau den Raum, den man ihnen gibt. Der Satz gilt auch andersrum. Wenn die Agenten in drei Tagen bauen, wofür ich früher drei Wochen gebraucht hab, bleibt Zeit übrig. Die kann ich mit sieben neuen Projekten füllen oder mit einem, das ich mir richtig angucke. Wohin das Vollstopfen führt, hab ich beim Burnout-Thema aufgeschrieben: Solange das System dasselbe bleibt, kommt er zurück, auch mit neuem Werkzeug.
Was ich ausprobieren will
- Eine Idee bleibt einen Tag bei mir, bevor ein Agent sie anfasst. Mit Zettel, ohne Terminal.
- Ein Bericht am Tag reicht, und zwar einer, der sagt, was sich verändert hat.
- Einmal pro Woche steig ich bewusst in ein Detail runter, wie bei einem Werksbesuch. Eine Stichprobe mit festem Termin ist für mich noch kein Micromanagement.
- Die ersten User guck ich mir wieder selbst an. Den Report darüber lass ich mir trotzdem schreiben.
Ob das reicht, weiß ich nicht. Ich hab den Verdacht, dass Vertrauen am Ende gar keine Frage der Struktur ist. Die Struktur macht es mir nur leichter, mich dafür zu entscheiden. Beim Segeln hab ich das mal gute Seemannschaft genannt: Fehler akzeptieren und der Crew immer wieder eine Chance geben. Ob die Crew aus Menschen besteht oder aus Agenten, ist dem Wind ziemlich wumpe.
Diesen Text hab ich übrigens genau so angefangen: mit einer Idee, die ich eine Weile mit mir rumgetragen und hin und her gedreht hab, bevor irgendwas auf dem Bildschirm stand. Fühlte sich gut an. Der Deckel vom Laptop bleibt jetzt offen, sonst schlafen die Agenten ein. Ich geh trotzdem kurz raus.
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