Bei Google steht Disney+ mit einer URL, an der hinten utm_source=chatgpt.com hängt. Der erste Reflex sagt: Canonical verbockt. Ich glaub, da ist was anderes passiert.
Ich google „Disney+ Login“, fahr mit der Maus über den ersten Treffer, und unten in der Statusleiste steht: disneyplus.com/identity/login?utm_source=chatgpt.com. Bei Google, ganz oben, mit dem Tracking-Parameter von ChatGPT dran. Das ist ein schöner kleiner Unfall, und an dem kann man ziemlich viel darüber lernen, wie Google wirklich arbeitet. Doch bevor man jetzt bei Disney Schuldige sucht, lohnt sich ein Blick auf die Mechanik dahinter.
Der erste Reflex
Und jetzt zu euch, liebe SEO-Kollegen. „Da hat bei Disney jemand den Canonical verbockt, Anfängerfehler, bla bla bla.“ Ja ja. Kann sein. Ich kenn die Seite nicht von innen und weiß nicht, was ihr Canonical an dem Tag gesagt hat. Nur: Den Parameter hat sich bei Disney niemand ausgedacht. ChatGPT hängt utm_source=chatgpt.com selbst an Links, die es nach draußen gibt, bei Zitaten und Quellenangaben zum Beispiel. Damit die verlinkte Website im Analytics sieht, woher der Besuch kommt. Eigentlich nett gemeint.
Was wahrscheinlich passiert ist
Meine Vermutung, und mehr kann das von außen nicht sein: ChatGPT zitiert Disney+, hängt brav seinen Parameter dran, und genau diese URL ist dann in der Welt. Leute klicken drauf, kopieren sie aus der Adresszeile, teilen sie, verlinken sie weiter. Google findet sie, sieht, dass sie draußen ständig auftaucht, und entscheidet sich für diese Variante. Auch dann, wenn der Canonical auf der Seite was anderes „sagt“. Eine Login-Seite ist dafür der perfekte Kandidat: Ihre URL liest keiner, die wird nur benutzt. Google nimmt den Canonical zur Kenntnis und macht trotzdem sein Ding.
Der Canonical ist ein Vorschlag
Das ist der Punkt, der in der Disney-Häme untergeht: Der Canonical-Tag ist kein Befehl. Google nennt ihn in der eigenen Dokumentation „ein starkes Signal“, und das Wort ist mit Absicht gewählt. Daneben stehen weitere Signale, und Google wägt ab:
- Weiterleitungen, laut Google ebenfalls ein starkes Signal
- der Canonical im Head der Seite
- welche URL intern verlinkt wird
- welche URL in der Sitemap steht, laut Google ein schwaches Signal
- welche Variante draußen verlinkt und aufgerufen wird
Zeigt genug davon auf die UTM-Variante, gewinnt die. Ich hab genug sauber gesetzte Canonicals gesehen, die Google einfach ignoriert hat. Wild eigentlich, wenn man das zu Ende denkt: Jeder, der deine Seite mit Parametern verlinkt, redet bei deiner Indexierung mit. Du baust die Seite, und andere stimmen mit ab, unter welcher Adresse sie bei Google steht.
Und hier wird es für mich spannender als die Frage, wer bei Disney gepennt hat. ChatGPT ist inzwischen selbst eine Linkquelle. Jede Antwort mit Quellenangabe wirft URLs in die Welt, und zwar in der Form, die ChatGPT ihnen gibt. Wer bei KI-Sichtbarkeit nur ans Zitiertwerden denkt, übersieht die Nebenwirkung: Das Zitat kommt mit eigenem Etikett zurück und landet am Ende vielleicht im Google-Index. Über genau diese Verschiebung, Google auf der einen Seite und die KI-Assistenten auf der anderen, rede ich auch in meinem Vortrag „Google, Stand heute“.
Wie du nachguckst, welche URL Google gewählt hat
Für deine eigene Seite dauert das zwei Minuten. In der Google Search Console gibt es die URL-Prüfung: Adresse oben reinkopieren, dann zeigt sie dir bei der Seitenindexierung die von dir angegebene kanonische URL und daneben die, die Google ausgewählt hat. Stimmen die beiden nicht überein, hast du deinen eigenen kleinen Disney-Moment. Gesammelt findest du solche Fälle im Bericht zur Seitenindexierung, bei den Duplikaten, für die Google eine andere kanonische Seite gewählt hat als du.
Signale stapeln
Ok, die gute Nachricht: Signale kann man stapeln. Ein einzelnes reicht nicht immer, zusammen ziehen sie in dieselbe Richtung.
- Intern nie mit UTM-Parametern verlinken, auch nicht aus Menü, Teaser oder Footer.
- In die Sitemap kommt nur die saubere URL.
- Den Canonical trotzdem auf jeder Seite setzen, auf sich selbst zeigend.
- Bei Kampagnen-Links, die du selbst rausgibst, kurz überlegen, wie oft die weitergeteilt werden.
Klar: Man könnte die Parameter auch per Weiterleitung auf dem Server abschneiden. Davon rate ich meistens ab, weil dann das Analytics nicht mehr sieht, woher der Besuch kam, und genau dafür hängen die Dinger ja dran. In Drupal setzt übrigens das Metatag-Modul den Canonical; wie es sich zwischen den anderen schlägt, zeigt mein Vergleich der Drupal-SEO-Module.
Randnotiz in eigener Sache, weil es sonst unehrlich wäre: Jeder Link von diesem Blog zu Traffalyzer, meinem SEO-Tool, trägt selbst UTM-Parameter. Mit Absicht, sonst seh ich nicht, welcher Artikel Leute rüberschickt. Der Link gerade eben auch. Ich red also selbst bei der Indexierung einer Seite mit, nur eben bei meiner eigenen. Bei der Handvoll Links mach ich mir da keine Sorgen; die Mechanik ist aber dieselbe wie bei Disney.
Disney wird’s überleben, die Login-Seite funktioniert ja, egal was hinten dranhängt. Mach du in der Zeit mal die URL-Prüfung für deine Startseite auf ;)
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